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Offener Raum-Prinzip

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Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Offener Raum bedeutet ...

[Bearbeiten] ... gleichberechtigter Zugang zu allen Ressourcen

[Bearbeiten] ... keine Stellvertretung, keine kollektive Identität

Stellvertretung ist immer eine Herrschaftsform, weil sie die Horizontalität zwischen den Menschen aufhebt. Die, die andere repräsentieren, haben damit eine Definitionsmacht über die von ihnen Repräsentierten, sie haben aber auch eine gewichtigere Stimme gegenüber Menschen, die keine StellvertreterInnen sind und damit "nur" für sich selbst sprechen. Da offene Räume horizontal sein sollen, ist Stellvertretung in ihnen nicht möglich. Das heißt: Niemand kann für den offenen Raum oder irgendein "Ganzes" sprechen. Der offene Raum ist nichts außer der Raum - ein Platz, ein Gebäude, eine Mailingliste oder was auch immer. Diese können nicht sprechen, keine Anträge stellen, keine Position beziehen.

Das Fehlen der Stellvertretung schafft aber noch etwas anderes, nämlich die Chance, ganz auf ein zentrales Gremium zu verzichten. Denn wenn das Ganze eine Stimme haben kann, muss diese auch festgelegt werden können. Plenum, Vorstand oder etwas anderes - eines davon ist notwendig. Wo das Ganze als eigenständiges Handelndes verschwindet, bedarf es auch der ständigen Abstimmungsprozesse darüber, wie es handeln soll, nicht mehr.

  • niemand kann den Offenen Raum "vertreten", es kann nicht in seinem Namen gesprochen werden
  • es gibt auch keine Gruppenidentität, gemeinsame Philosophie o.ä.
  • keine Gremien entscheiden (unvereinbart) stellvertretend für Andere
  • Projektautonomie: Projektgruppen entscheiden eigenständig über ihre Arbeitsweise, Inhalte und Organisierung; wo sie in Berührung mit anderen Projektgruppen oder Personen kommen, handeln sie gleichberechtigt potenzielle Konflikte aus

[Bearbeiten] ... Gleichberechtigung, Kommunikation und Transparenz aktiv fördern

[Bearbeiten] ... einen anderen Mechanismus, auf Verhalten einzugehen

Sexistische Übergriffe, Diskriminierungen, Abhängen, Klauen und mehr kommen überall vor. Da unterscheidet sich ein Offener Raum nicht von Gebäuden, Plätzen, Mailinglisten oder Foren mit diktatorischen bis basisdemokratischen Entscheidungsregeln und Privilegien. Unterschiedlich aber ist der Mechanismus, wie auf (von Einzelnen so empfundenes) unerwünschtes Verhalten eingegangen wird. Im offenen Raum gibt es keine Grenzziehung zwischen richtig und falsch. Es gibt keine Definitionsmacht Einzelner und keine kollektiven Beschlüsse übergeordneter Gremien. Verhalten wird nicht als falsch definiert (wie in Strafverfahren) und nicht formal sanktioniert. Niemand wird ausgegrenzt. An die Stelle von Definition des Falschen und Verregelung des weiteren Umgangs tritt direkte Intervention. Damit ist gemeint, dass die Menschen im offenen Raum selbst Kommunikation aufbauen: Sich einmischen, diskutieren, kritisieren, Verfahrensweisen vereinbaren und in der Folge sensibel auf das Geschehen achten. Dabei treten alle Menschen immer direkt und horizontal miteinander in Kontakt. Es gibt keine Gremien und Entscheidungsprozesse. Ein solches Vorgehen verfolgt mehrere Ziele:

  • Die Art der Auseinandersetzung soll nicht selbst Hierarchien fördern oder hierarchische Gremien legitimieren. Das aber genau würde geschehen, wenn Konflikte in Plena, Ansprechgruppen, Orgateams usw. verlagert werden.
  • Horizontale Kommunikation hat viel höhere Chancen, Verhalten tatsächlich zu verändern, als Entscheidungen von Machtgremien (Plenum, Vorstand, Steuerungsgruppe ...). Das liegt schon allein darin begründet, dass Debatten mit Sanktionsmöglichkeiten immer angsterfüllt sind. Sie stärken taktisches Verhalten und schwächen offenen Austausch. Zum zweiten aber bewirken Sanktionen oft nur den Rauswurf oder freiwilligen Ausstieg einer Person aus einem Zusammenhang. Solches hätte nicht Verhaltensänderung, sondern den Wechsel des Ortes eines Verhaltens zur Folge.
  • Reflexion über die Vorgänge, mitunter auch die direkte Intervention oder Kritik an der Intervention fördern die Weiterentwicklung der Kommunikation und Kooperation im offenen Raum. Während Beschlüsse und Regeln einen Status Quo schaffen und dann erhalten (also wie Gesetze strukturkonservativ sind), schafft die Förderung von Kommunikation und horizontaler Auseinandersetzung immer neue Anstöße für einen emanzipatorischen Prozess.
  • Es geht um das von Menschen als unerwünscht empfundene Verhalten. Veränderungen sowie die Freiheit des offenen Raumes von diskriminierendem und unterdrückenden Verhalten sind das Ziel. Nicht SexistInnen, RassistInnen usw. werden gejagt oder an andere Orte verbannt, sondern sexistisches, rassistisches usw. Verhalten soll es im offenen Raum nicht geben - oder, wenn es doch vorkommt, sofort durch direkte Intervention beendet und dann kommunikativ bearbeitet werden. Es geht nicht darum, konkrete Personen draußen zu halten oder rauszuwerfen, sondern bei herrschaftsförmigen Verhaltensweisen eine diese verändernde Dynamik zu erzeugen.
  • Statt Regeln zu schaffen und Beschlüsse zu fällen, sollte die Interventionsfähigkeit der Einzelnen gestärkt werden. Dazu sind neben dem Üben im Alltag (learning by doing) Trainings und Workshops sinnvoll. In einer Gesellschaft des Wegsehens und der herrschaftsförmigen Formalisierung von Interessensgegensätzen müssen Menschen erst lernen, sich selbst zum Subjekt und zum Akteur im Handgemenge des Alltags zu machen.
  • Ebenso kann jede Auseinandersetzung die Sensibilisierung für Herrschaftsmechanismen stärken. Viele Probleme kündigen sich unterschwellig an, sind aus Methoden und Verhältnissen ableitbar, wenn mensch ein Gespür dafür entwickelt hat. Bei der alltäglichen Wahl zwischen möglichen Alternativen (z.B. Kommunikationswegen, Methoden, Organisierungsformen, Handlungsweisen) können diese Sensibilität (bzw. "Herrschaftsbrille" - also ein für Herrschaftsmechanismen geschärfter Blick) und eine gewisse Sicherheit durch das Wissen um mögliche Vorgehensweisen, Methoden usw. sehr hilfreich sein.

Insgesamt muss klar sein, dass die Idee offener Räume mit Gleichgültigkeit unvereinbar ist. Es geht gerade darum, dass Menschen eingreifen und sich kümmern um das Geschehen in ihrem Umfeld. Aber sie tun das ohne dass sie aufgeladen sind mit Macht und Privilegien - oder, wenn sie es nicht sind, anderen Machtvolleren die Lösung der Probleme zuschieben.

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