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APO-Calypse:Utopien-Rubrik-FreieVereinbarungen

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Diese ausgewählten Auszüge und Zitate sind Arbeitsmaterial für das Seminar "Herrschaftsfreie Welt. Anarchie, Basisdemokratie, Radikaldemokratie und andere Utopien", welches vom 21.-23. April 2006 in der Projektwerkstatt Saasen statt findet.


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Auszüge und Zitate: Freie Menschen in Freien Vereinbarungen

[Bearbeiten] Definition

Eine Gesellschaft “Freier Menschen in Freien Vereinbarungen” ist eine konkrete Utopie, deren genaue Form nicht abgeschätzt werden kann. ... Anzunehmen ist, ist nach einem Prozess des Abbau bekannter Herrschaftsverhältnisse noch weitere zum Vorschein kommen - die Emanzipation, d.h. die Loslösung und Überwindung von Zwängen, von Herrschaft und Beherrschung aller Art, wird ein langer, wahrscheinlich immerwährender Prozess. Der Entwurf einer einheitlichen Utopie als zukünftiger Gesellschaftsform im herrschaftsförmigen Hier und Jetzt würde eine Vorgabe sein, die eher eine Beschränkung als einer Befreiung gleich käme. ... Die Fragestellung nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft ist ... die nach den Verhältnissen, unter denen sich Gesellschaft entwickelt: Was stärkt heute und in herrschaftsförmigen Gesellschaften die Konkurrenz und untergräbt Kooperation? Was fördert gewaltförmiges Verhalten und Herrschaft zwischen Menschen? Umgekehrt, d.h. positiv formuliert für die gewollte Utopie, lautet die Frage: Welche Rahmenbedingungen fördern kooperatives und behindern konkurrierendes Verhalten? Unter welchen Bedingungen gehen Menschen gleichberechtigt miteinander um, entwickeln ihre eigenen Potentiale, aber organisieren die eigene Selbstentfaltung so, daß sich die anderen Menschen auch selbst entfalten können?

  • Text „Ohne Herrschaft ginge vieles nicht - und das wäre gut so!“ (u.a. im Buch „Autonomie und Kooperation“)


Fragestellung ist nicht: Welche Gesellschaftsform schließt Ausbeutung, Unterdrückung und alles schlechte zwischen den Menschen bzw. im Umgang mit ihrer Umwelt im weitesten Sinne aus? Sondern Fragestellung ist: Unter welchen Rahmenbedingungen (Verhältnissen) ist der Anteil kooperativer Verhaltensweisen und Organisierungsformen am höchsten und der konkurrierender bis dominierender am geringsten?

  • Aus einer Mail auf der Hoppetosseliste


[Bearbeiten] Arbeit, Ökonomie und Eigentum & Staat und Herrschaft

Die Geschichte ist die Geschichte der Elitenkämpfe


Die Verschärfung der Arbeitsgesetze, der Abbau des Sozialen - alles geht von den Regierungen aus. Profiteure sind die Konzerne, aber der Staat ist der Macher. Hinzu kommt immer mehr Kontrolle, Überwachung, Bestrafung für die, die nicht den Normen gemäß handeln. Auch das ist der Staat. Insofern sind Staat und Markt nicht Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Herrschaftsfreiheit wäre das Gegenteil von beidem. F.D.P. & Co. wollen gar nicht weniger Staat, sondern einen modernisierten. Und alle ...-DemokratInnen wollen mit ihrer Forderung nach mehr Staat auch vor allem mehr Kontrolle. Nützen wird das den Herrschenden und u.a. den Konzernen. Wer Freiheit will, muss weniger Staat und weniger Markt anstreben. Oder am besten ganz abschaffen - beides!

  • Aus der „Zeitung für stürmische Tage“


[Bearbeiten] Übersicht über die Herrschaftstypen

  • Herrschaft als Institution: Oben und Unten sind gut fühlbar, wo Herrschaft institutionell auftritt, d.h. in Form einer sichtbaren oder unsichtbaren, aber fühlbaren Autorität. LehrerInnen, PolizistInnen, Eltern usw. müssen nicht ständig anwesend sein, um als potentiell bedrohende Autorität dennoch immer zu wirken. Institutionelle Herrschaft sind auch physisch spürbare Unterschiede in der Zugänglichkeit von Ressourcen z.B. durch Eigentumsrecht. Passwörter, Tür- und Schrankschlösser und mehr schaffen offensichtliche Unterschiede zwischen Menschen.
  • Marktförmige Zwänge, Kapitalverteilung und ökonomische Abhängigkeit: Der Zwang zur ständigen marktförmigen Reproduktion, der eigenen Verkaufbarkeit von Arbeits- und Denkkraft sowie der nur per Geld oder Tausch zu begleichende Wert in allen Produkten und in vielem Wissen normiert das Verhalten im Alltag. Selbst für Produkte, die im Überfluß da sind, müssen Menschen Geld erwirtschaften, um an sie zu kommen. Ausbrechen aus dieser Norm ist wiederum mit dem Einschreiten der institutionellen Macht verbunden, genauso wie diese den Zwang zur durchgreifenden Wertlogik erst garantiert.
  • Diskurs, Kategorien, Erwartungen, Standards: In den Köpfen und als deren Ausfluss an allen Stellen dieser Gesellschaft reproduzieren sich bestimmte Wahrnehmungen und Weltanschauungen, die nicht der eigenen Überzeugung, sondern dem entspringen, was als „Norm“alität gesetzt wird: Zweigeschlechtlichkeit, Rassen, Gewaltenteilung, Gut und Böse sowie vieles mehr sind bei näherem Hinsehen gar nicht existent, wohl aber durch gerichtete Wahrnehmung doch eine Selbstverständlichkeit, bei deren Infragestellung die jeweilige Person als „unnormal“ bis „ver-rückt“ gelten würde.
  • Konstruktion und Instrumentalisierung kollektiver Identitäten: Die Autonomie von Menschen wird durch die Schaffung der Kollektiven und ihre erzwungene oder diskursive Integration in dieselben deutlich eingeschränkt. Zugehörigkeit zu Nation, Familie, oft auch zu Vereinen, Regionen, Dorfgemeinschaften, Clans, den Kollektiven am Arbeitsplatz, der kulturell gleich Interessierten, ähnlich gekleideter Personen usw. wird ohne Zustimmung oder durch deutlichen Erwartungsdruck herbeigeführt. Ab dieser Zugehörigkeit ist die einzelne Person nicht mehr voll selbstbestimmt handlungsfähig, weil das Kollektiv eine eigene Subjektivität erlangt – wenn auch bei näherem Hinsehen immer nur durch konkrete Personen, die im Namen des Kollektivs, also des Volkes, der Nation, der Gruppe u.ä. sprechen.
  • Metaebene: Menschen haben sehr unterschiedlich gelernt, neben dem unmittelbaren Erleben auch in der Metaebene zu denken, d.h. aus der eigenen Befangenheit und konkreten Situation herauszutreten und wie einE externe BetrachterIn Verhalten, gegenseitige Beeinflussung, Interessen und Strategien der Beteiligten zu analysieren. Wer das tut, steht auf einem anderen Level gegenüber denen, die darauf verzichten. Beide handeln oft unbewusst, z.B. entsprechend ihrer Sozialisierung. Dennoch schafft es bedeutende Unterschiede.
  • Aus dem Buch „Autonomie und Kooperation“:


[Bearbeiten] Revolution und Organisierung

Es gibt viele Wege, sich Autonomie und Kooperation anzunähern. Das beginnt im Alltag der Einzelnen, die sich stärker selbst organisieren und so von den ständigen Zwängen lösen. Es endet in komplexen gesellschaftlichen Kooperationen oder der Organisierung in großen Einheiten, z.B. Netzwerken, die dennoch ein horizontales Nebeneinander vieler autonomer Teile bleiben. Einige wenige Aspekte seien beispielhaft benannt. ... Der Alltag bietet andere Ansatzpunkt: Er ist immer da, mensch muss nicht aufwendig zu ihm hinkommen. In ihm spiegelt sich die Totalität von Herrschaft. Die Menschen verfügen über ein Know-How des Umgangs mit ihm und können Veränderungen daher unmittelbar ausprobieren, die Wirkungen prüfen und eigene Strategien weiterentwickeln. Die Menschen sind von ihrem eigenen Handeln selbst betroffen. Das ist wichtig.

  • Buch „Autonomie und Kooperation“


Emanzipation bedeutet, sich aus erzwungenen Kooperationen zu befreien und freie Kooperationen aufzubauen. Beides ist notwendig. Der Wegfall des Alten verbürgt nicht automatisch das Neue. ... Wenn erzwungene Kooperation durch eine Fülle von Herrschaftsinstrumenten aufrechterhalten wird, dann ist es für eine Politik der freien Kooperation notwendig, diese Instrumente abzuwickeln. "Abwicklung" bedeutet, dass diese Instrumente nicht für "etwas Besseres" eingesetzt werden können, sondern heruntergefahren; dass dies ein Prozess ist und keine einmalige Aktion; dass ein "Ausknipsen über Nacht" nicht möglich und in vielen Fällen auch nicht wünschenswert ist, das Ziel aber klar sein muss. Nichts anderes kann man sich heute darunter vorstellen, was es heißt, Machtfragen zu stellen: Herrschaft sichtbar zu machen und ihre Instrumente in der Praxis zurückzuweisen, und zwar an allen Orten der Gesellschaft und in jeder Kooperation.

  • Christoph Spehr, 2000: "Gleicher als andere" (S. 27f)


[Bearbeiten] Kollektiv und Individuum

Die Menschen und ihre Zusammenschlüsse müssen einerseits autonom, d.h. selbstbestimmt, unabhängig und in Bezug auf den Zugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen (materielle Ausstattung, Wissen, Informationsaustausch, Mobilität usw.) gleichberechtigt sein. Andererseits ist Kooperation die Voraussetzung, über die eigenen Möglichkeiten hinauszukommen, sich Freiheiten zu schaffen und sich ständig weiterentzuwickeln. Dass ist in der Isolation nicht vorstellbar. Als grundlegenden Prinzip von herrschaftsfreier Selbstorganisierung sind Autonomie und Kooperation aber nur zusammen vorstellbar. Ohne Kooperation würde Autonomie zur Isolation oder – als Kollektiv – Autarkie. Das sind keine emanzipatorischen Perspektiven, z.T. erwachsen daraus sogar rechte Ideologie, wenn Kollektive aus abgeschlossene Identitäten betrachtet werden (Volk, Nation, Region). Ebenso ist Kooperation herrschaftsfrei nur unter Wahrung der Autonomie denkbar. Denn sonst würden erneut Hierarchien geschaffen werden, die Autonomie in Frage stellen würden. ... Autonomie und Kooperation heißt endlose Vielfalt ohne Isolation, sondern gerade der Weiterentwicklung durch den ständigen Kontakt, den Aufbau und die Auflösung von Kooperation. Die Gesellschaft organisiert sich in vielen Subräumen, die in einer herrschaftsfreien Welt aber horizontal organisiert sind, sich überlagern und überschneiden, sich aber nicht gegenseitig normieren oder zwingen können.

  • Gruppe Gegenbilder (Hrsg., 2006): „Autonomie und Kooperation“, Verlag Projektwerkstatt


Die Fähigkeit der Multitude zur Entscheidungsfindung ließe sich auch in Analogie zur gemeinschaftlichen Entwicklung von Computersoftware und zu den Innovationen der »Open Source«-Bewegung begreifen. Traditionelle, als Eigentum gesetzlich geschützte Software macht es den Nutzern unmöglich, den Quellcode zu erkennen, der anzeigt, wie ein Programm funktioniert. ... Die Demokratie der Multitude lässt sich somit auch als eine Art »Open Source«-Gesellschaft verstehen, als eine Gesellschaft, deren Quellcode sichtbar ist, sodass wir alle gemeinsam daran arbeiten können, seine »bugs« zu beseitigen und neue, bessere soziale »Programme« zu entwickeln. ... Für die Multitude jedoch gibt es keine prinzipielle Verpflichtung gegenüber der Macht. Im Gegenteil, für die Multitude sind das Recht auf Ungehorsam und das Recht auf Abweichung grundlegend. Die Verfassung der Multitude beruht auf der ständigen legitimen Möglichkeit des Ungehorsams.

  • Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 373 f.)


[Bearbeiten] Diskurs und höhere Moral

Der junge Herder hat es bereits mit aller wünschenswerten Klarheit ausgesprochen: Gesellschaften oder Kulturen, die für ihre Orientierung darauf angewiesen sind, von ihren Traditionen zu leben, weil sie keinen neuen Sinn mehr für sich »(er)finden« können, stehen bereits kurz vor dem Untergang.

  • Frieder Otto Wolf in der Freitag, 23.12.2005 (S. 19)


Alle Religionen stellen eine transdenzente Heilslehre und die daraus abgeleiteten Ordnungsstrukturen über den Menschen. Der Kampf um Befreiung richtet sich gegen jede transzendente, über den Menschen stehende Kraft und will Räume schaffen, in denen die Menschen selbst und gleichberechtigt aushandeln wie sie ihr Leben und ihr Zusammenleben gestalten. Der Prozeß wird als Emanzipation bezeichnet, d.h. das Niederringen äußerer Zwänge und die Entfaltung des Selbst. Emanzipation richtet sich daher gegen alle Institutionen und Vorgaben, die über den Menschen selbst stehen. Diese brauchen immer eine ideologische Begründung, um von den Menschen als über sich stehend akzeptiert zu werden. In den Religionen ist das eine transzendente, d.h. imaginierte Instanz, z.B. ein Jenseits, ein Gott oder das Volk. Emanzipation richtet sich gegen solche Instanzen. Damit ist Emanzipation gegen Religion, aber auch gegen Staaten, Regierungen, Rechtsstaat und Demokratie gewendet.

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